Wo liegt eigentlich HOBBY heute?
So sah um 1967 der Landzugang zu Nelson’s Dockyard aus. Der eigentliche Name war English Harbour. Das wird seit der Unabhängigkeit nicht mehr gerne gehört. Das Tor wurde abends geschlossen. Wer zu spät kam, mußte durch die Bucht zu seinem Boot schwimmen oder mit einem Geldschein in der Hand solange gegen das Tor pochen, bis der steinalte Neger aus seinem Rumrausch aufwachte. Er schlief linker Hand in der kleinen Hütte und versah tagsüber den Polizeidienst. Frau und Tochter wuschen für Segler die Kleidung am einzigen Wasserhahn, den es im Freigelände gab. Damit sich die Regenwasserzisterne nicht leerte, bewachten sie den Hahn wie ein bissiger Hund, denn er war eine wichtige Einnahmequelle für sie. An pechschwarzen Enkeln fehlte es nicht. Ich brachte ihnen von Bord eine volle Steige mit Golden-Delicious-Äpfeln, die die Reise vom Cherbourger Wochenmarkt bis hierher gut überstanden hatten. Durch den baufälligen Zugang rechter Hand ist im Hintergrund der Admiral’s Inn zu erkennen. Zu Nelson’s Zeiten und später wohnten dort die Werftingenieure. Desmond Nicholson machte daraus einen zünftigen Treffpunkt für Segler. Von ihm dürfte auch dieses Foto sein.
In diesem schattigen Stall ließ ich Hobby 1967 nach meiner ersten Atlantikreise zurück. Unbeschadet wartete mein Steckenpferd anderthalb Jahre lang auf meine Rückkehr. Weniger gut haben die Burgunderflaschen die Wärme überstanden und die vielen Flaschen Olivenöl (zum Glätten der See bei Sturm!) Es war ranzig geworden und der Wein aus Vougeot sauer. Schaden hatte Hobby schon vorher genommen. Ohne einen Slipwagen wie in England gab es nur eine einzige Möglichkeit, Hobby an Land zu ziehen. Immerhin ein englischer Schiffsingeneur, aber natürlich nicht mit den empfindlichen Kielleisten eines Kats vertraut, wußte wie. Er übernahm den Job, legte zersägte alte Schiffsmasten als eine Art Rollenlager unter und zog Hobby mit seinem starken Army-Jeep ins Trockene. Hinterher sahen Hobbys Keilleisten im mittleren Bereich wie Wellblech von der Seite aus, also zwischen jeweils zwei Spanten eingedrückt. Ein niederschmetternder Anblick, ein hoffnungsloses Wrack. Was nun? Ein fähiger, aber meistens betrunkener einheimischer Schiffszimmermann reparierte den Schaden tadellos während meiner langen Abwesenheit. Anschließend lag Hobby meistens nur neben Eilandhopper in unserer Eisenholzbucht. Ich bin sicher, beide hatten viel miteinander zu reden, hatten sie doch beide inzwischen mit mir dieselbe Atlantikreise hinter sich gebracht. Nur unter ganz anderen Vorzeichen. Und dann? Ja, wo liegt Hobby heute? Wer es genau wissen will, bereite sich auf einen Friedhofsbesuch vor. So jedenfalls erlebte ich jeden Tauchgang am Paradiesriff, wo die Reste meines ersten Bootes ruhen. Ich glaube, es ist auch in diesem Fall Zeit, daß ich mein Manuskript darüber aus dem auf Halde liegenden Blätterberg der YACHT-Kolumne „Wo liegt ... heute?“ herauslocke. Vor Antiguas Nordwestküste ruht sie also. Wer Hobby Grüße von mir bringen will, segle vom Blue Waters Hotel in Soldier Bay gut eine Seemeile genau nach Norden. Dort kracht es plötzlich, wenn einer nicht aufpaßt, und Hobby kriegt Gesellschaft. Zum Glück ist das trockenfallende Riff gut sichtbar. Nur mein früherer Bootsmann Keithroy war mit zwei Freunden und drei Flaschen Antigua-Rum trotzdem hineingedonnert. Großes Sorry-Sagen hinterher. Mehr nicht. Das Wrack verfiel nach britischem Strandräuberbrauch dem Strandvogt. Der Neuseeländer bot mir Hobbys Pumpklo als Souvernir zum Kauf an. Ich hatte es erst nach der Atlantikreise eingebaut gehabt. Noch Jahre danach wartete Hobbys goldglänzender Mast im Dockyard auf einen Käufer. Das schmerzte jedesmal sehr, sobald ich in seine Nähe kam, und der Mastseele tat es sicher auch weh. Richtig! In der Nähe von Sint Maarten entdeckte ich eines Tages auf einem Katamaran aus Antigua ein braunes Focksegel. Es hat dem amerikanischen Eigner, der auf seinem Boot charterte, kein Glück gebracht. Ein Neidischer hat ihm eines Nachts in Dickinson Bay auf Antigua die Ankerleine gekappt. Das Boot trieb allein nach Anguilla und scheiterte dort. Antiguas Paradiesriff war Hobby in meiner Abwesenheit zur Hölle geworden. Das Wrack steckte zwischen nur knöcheltiefen Elchgeweihkorallen fest, fiel bei Ebbe trocken, ließ sich aber nicht abbergen. Wer hätte es tun sollen und wofür auch? Rigg und Inneneinrichtung waren heil geblieben und wurden an Land gebracht. Neuer Eigentümer war die Inselverwaltung. Der zuständige Strandvogt verscherbelte alles in ihrem Auftrag und mit Gewinn. Geduld! Bald wird auch die britische Kolonialverwaltung auf Antigua ihren Schiffbruch erleben und das kostet sie mehr.
Mein letzter Grabbesuch? Die 200 Jahre alte Sodawasserflasche aus längst vergangenen Zeiten, schwarz verfärbt von der Sonne auf Shirley Hights, aber sonst noch heil, und die Spindel meines Fahrtmessers erzählen von jenen Tagen. Es sind Museumsstücke für mich. Jahre vergingen, bis ich eines Tages bei einem Schnorchelausflug zum Paradiesriff im Schatten riesiger Elchgeweihkorallen Hobbys unsterbliche Überreste fand. Damals dämmerten unter umgestürzten Korallen nur noch zwei verbeulte Wassertanks, zwei völlig verkrümmte Kielleisten und die extragroßen Bootsbatterien vor sich hin. Sie hatten nicht zur Standardausrüstung gehört. Anschließend schnorchelte ich öfter mit meinen Gästen dort. Beim letzten Besuch erst entdeckte ich die im Sonnenlicht glitzernde Sumlogspindel samt arg geschundenem Impeller. Ich nahm sie mit und ramte sie in Gold. Der Winzling hatte im Sommer 1967 von Cherbourg nach Antigua 37 Tage lang non-stop 3790 Seemeilen vor sich hingeschnurrt. Mein Steckenpferd bewies dabei allen Dreimalklugen daheim, was in einem nur acht Meter langen Katamaran stecken konnte. Seither traut sich alle Welt, es uns nachzutun. Die Prämie für mich statt einer Ehrenplakette und in aller Stille: Ein Rumpunsch im Admiral's Inn für die längste Reise allein in einem Cat bis dahin. Etheline sang mit warmer Alt-Stimme ein passendes Seemannslied dazu.
"Sorry, Rudy !"
"Really sorry, Rudy !"
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